Eine neue Bedeutung von CHU („Lebewesen“) und NO („Umwelt“) ist entstanden

Zusammenfassung eines Gesprächs, das John Stanley PhD mit Tsoknyi Rinpoche führte. John Stanley ist der Direktor der New York Academy of Sciences und betreut www.ecobuddhism.org

Wenn Menschen hier in Nepal von Erderwärmung und Energieversorgung hören, dann wollen sie eigentlich nur wissen, wer sie mit Lösungen versorgen wird. Sie leben von der Hand in den Mund, woher soll da irgend eine Alternative kommen? Ihre Einstellung ist: „Ihr werdet uns Lösungen anbieten müssen. Ihr macht die Veränderungen und wir werden sie dann nutzen. Mein Großvater hat nicht viel Energie verbraucht. Mein Vater auch nicht. Jetzt verbrauche ich ein ganz klein wenig Energie und ihr macht so ein Geschrei darum. Bringt uns die Alternativen und wir werden sie nutzen.“

Wenn ich mit Leuten hier über globale Erwärmung spreche, war ihre Antwort bisher immer aggressiv. Manche Menschen in Indien werden zornig – für sie ist es wie bei der Atomfrage: “Ihr habt bereits Nuklearwaffen, aber wir sollen über keine Mittel zur Abschreckung verfügen. Ihr habt hundert Mal mehr Waffen als wir.“ Arme Menschen ärgern sich, wenn man ihnen vorschreibt kein Holz zu schneiden oder kein Kerosin zu gebrauchen. „Wie sollen wir unser Essen kochen? Das Feuer kommt nicht aus der Luft. Ihr sagt, wir dürfen kein Holz schlägern, weil das schlecht für die Umwelt ist. Jetzt sagt ihr, wir müssen auch Kerosin vermeiden, weil das auch nicht gut ist.“ Bei uns redet man darüber, was man heute essen soll – es geht ums Überleben nicht um eine Wahl oder um Komfort.

Die Leute aus der hiesigen Regierung denken, „wir haben nicht so viel fossile Energie verbraucht und jetzt hören wir ‚Lasst uns alle das Leiden gemeinsam teilen‘. Wenn ihr Leute in diesem Teil der Welt erziehen wollt, dann müsst ihr zuerst Schokolade verteilen. Wenn ihr einen Experten aus den USA einladet, damit er über die Umweltkrise spricht, wird kein Mensch kommen. Die Leute denken „werden wir dort Essen bekommen, oder Tee? Werden wir einen speziellen Kugelschreiber oder Bleistift geschenkt bekommen? OK, dann kommen wir.“ Oder sie denken „wir stehen vor solchen Alltagsproblemen, warum sollten wir uns um einen Vortrag über die Umwelt kümmern?“
Ihr müsst immer etwas geben, wenn ihr diese Situation hier verändern wollt. Im Westen bezahlt man für solche Dinge. Hier ist es ganz anders.

Im Fall der globalen Erwärmung werden wir alle leiden und wir wissen, dass es zu Wasserknappheit und landwirtschaftlichen Problemen kommen wird. Vielleicht könnte ein positiver Plan entstehen, der den Menschen hier in ihrem Alltagsleben helfen könnte – etwas Leistbares und Erreichbares, etwa brennstoffarme Kochherde.

Wenn es zu irgendeinem energieerneuerbaren Projekt hier in Nepal kommen soll, dann muss jemand von außen die Verantwortung übernehmen und die Sache durchziehen. Wenn es stückweise gemacht wird, ein bisschen Geld da und dort für Teile des Ganzen, wird gar nichts passieren – jemand kommt und stellt Stützmasten auf und nach ein paar Monaten fallen sie zusammen und Sie werden niemanden finden, der irgendeine Verantwortung dafür übernimmt. Aus diesem Grund haben die Menschen hier nur dann Vertrauen, wenn eine ausländische Organisation etwas anpackt und durchzieht. Wenn Geld ins lokale System fließt, wird es nur verschwinden.

Tief drinnen will jeder buddhistisch Praktizierende friedvoll leben. Unsere Wertschätzung für die natürliche Umwelt ist sehr groß. Man kann keinen friedvollen Geist haben, wenn die Umwelt instabil ist. Alles ist miteinander verbunden. Es könnte viele Buddhisten geben, die ein tiefes Interesse für den Aufbau von Projekten für erneuerbare Energie bei uns haben. Und das würde sicher unserer Basisökonomie sehr helfen. Wir zahlen jetzt schon sehr viel für Elektrizität und die Preise steigen jedes Jahr um 15%. Ich denke, Buddhisten könnten diesen finanziellen Aderlass verringern helfen, indem sie die Umwelt verbessern – zum Beispiel durch einen gut durchdachten Plan für den CO2-Austoß.

Mit der Regierung vor Ort zu sprechen ist Zeitverschwendung, aber erreichbare Ziele für einzelne Klöster könnten Lösungen für erneuerbare Energie umsetzbar machen. Wenn man es in einem Kloster umsetzen könnte, indem jeweils ein Unternehmen dies realisieren würde, würden die Leute beginnen aufzuwachen. Das könnte auch die Einstellung der Regierung ändern. Es würde sich auch lohnen, darüber mit jungen, einflussreichen Lamas zu diskutieren. Schließlich ist die globale Erwärmung nicht nur eine gewöhnliche politische Angelegenheit. Wissenschaftler haben herausgefunden, dass es schon viel früher in der Geschichte unseres Planeten passiert ist. Es ist ein universelles Problem und die möglichen Folgen können extrem negativ für die Menschen und andere Arten werden. Wir sollten uns auf Lösungen konzentrieren.

Der tibetische Buddhismus hat gegenwärtig viele Beschränkungen, denn alles musste neu etabliert und geschaffen werden. Wir mussten aus unserer Heimat fliehen. Alles musste sich darauf konzentrieren, neue Grundlagen zu schaffen. Noch immer können wir uns nicht an einem Ort niederlassen und ihn unser eigen nennen. Wir sind in Nepal, aber auch hier gibt es schwerwiegende politische Probleme. Jeder ist voll darauf konzentriert, eine stabile Basis und Entwicklung zu schaffen. Wenn wir über ein großes globales Thema wie dieses hören, dann „klickt“ es bei uns noch nicht. Wenn also viele ältere buddhistische Lehrer scheinbar nicht über dieses Thema nachdenken, dann scheint ihr Gefühl zu sein: “Das ist Samsara und in Samsara passieren solche Dinge immer“. Sie haften nicht an und das ist schön, aber da ist auch ein Element von Kurzsichtigkeit da, wenn jemand nicht voraus denkt. Einige Lehrer sind voll beschäftigt ihre Klöster zu erhalten. Andere verstehen ganz genau. Ich für meinen Teil verstehe das Problem, aber meine „Titelseite“ ist ausgefüllt mit dem Überleben der Nonnen und Mönche. Zuerst muss ich mich um ihre Nahrung kümmern. Zum Beispiel habe ich gerade 200.000 Rupien für die Behandlung eines kranken Mönchs in einem Hospital ausgegeben. Ich bin glücklich für diese Person, aber später dachte ich nach: Mit dieser Summe (ca.$ 3.000) hätte ich in Tibet mehr Menschen helfen können. Ich muss an einen Punkt kommen, wo die grundlegenden Überlebensbedürfnisse der Nonnen und Mönche erfüllt werden können. Die monastische Sangha ist meine direkte Verantwortung und viele Lamas stehen vor derselben Aufgabe. Was immer wir an Geld erhalten, ist zum Überleben da – Essen, Kleidung, Decken. Nichts bleibt übrig.

Wenn ihr fragt, ob Buddhisten für Lösungen zur globalen Erderwärmung mehr auf einer spirituellen oder materiellen Ebene arbeiten sollen, dann sind beide gleich wichtig. Spirituell – vom buddhistischen Standpunkt aus – beten wir, wann immer wir beten, für einen Ausgleich von NO und CHU. NO bedeutet das Gefäß – d.h. das Universum oder die Umwelt; Chu bedeutet den Inhalt – also die Lebewesen. Unsere Gebete schließen Wünsche zum Abwenden von Naturkatastrophen ein, bedingt durch ein Ungleichgewicht der Elemente von Erde, Wasser, Feuer, Luft und Raum. Sie betonen auch das Verringern der Gifte von Ignoranz, Hass, Verlangen, Stolz und Gier durch die Zunahme der Tugenden von Zuneigung, Mitgefühl und Weisheit.

Ein grundlegendes Anliegen für die Umwelt ist bereits in unseren Gebeten enthalten, es ist Teil des Buddhismus, den Lehren vom bedingten Entstehen. Traditionell haben Lamas die Elemente der Umwelt harmonisiert, indem sie Stupas bauten, Schatzvasen vergruben, das Land mit rab-ne Zeremonien segneten, Gebetsfahnen aufrichteten und tsa-tsas formten etc. Wir haben sehr angestrengt gearbeitet seit der Zeit von König Ashoka und Buddha Shakyamuni. Jetzt hat NO eine neue Bedeutung bekommen und wir begegnen einer neuen, schwierigeren Herausforderung. Bisher beruhte das Ungleichgewicht der Elemente auf natürlichen Ursachen. Jetzt sind die großen Umweltprobleme durch die Menschheit selbst geschaffen. Es wird Zeit brauchen, um die verursachenden Faktoren ganz zu verstehen. Die globale Erwärmung abzuwenden verlangt eine neue Erziehung und ein neues Verstehen. Wir werden neue Gebete brauchen. Ich bin sicher, wenn wir die Probleme voll verstanden haben, werden Buddhisten in die vorderste Reihe kommen, sie werden nicht nur auf einer spirituellen Ebene, sondern auch an neuen materiellen Lösungen arbeiten. Ich beschäftige mich sehr mit all dem. Ich werde beten und ich versuche zu beeinflussen, wen immer ich erreichen kann – vor allem Mönche und Nonnen.

Quelle: A Buddhist Response to the Climate Emergency. Aus: Asian Buddhist Persepctives.

Übersetzung: jo

Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.
Weitere Informationen Ok