Die vier Arten von Ego (Teil 1 von 2)

Nachdem man als Mensch geboren wurde, gibt es erst einmal nur den reinen „Geschmack“ eines Wahrnehmenden, der etwas wahrnimmt. Diese minimale Dualität wird empfunden, weil wir einen menschlichen Körper besitzen, dessen physische Sinne bereits von sich aus die Fähigkeit besitzen, sowohl Berührungen als auch optische, geschmackliche und akustische Reize als konventionelle Wahrnehmungen zu registrieren. Zu jenem Zeitpunkt gibt es noch keine Zuordnung dieser sinnlichen Erfahrungen als etwas, das einem „Selbst“ widerfährt. Es liegt einfach in der Natur des menschlichen Daseins. Dies ist das „bloße Ego“, das in allen Menschen existiert und das der jeweiligen Persönlichkeitsstruktur zugrunde liegt.

Neben dem bloßen Ego werden wir alle mit einem eingebauten menschlichen Programm geboren, das die Entfaltung des menschlichen Daseins bestimmt. Seine Anwesenheit in unserer menschlichen Natur bestimmt die Art unserer menschlichen Erfahrung genauso wie die all der anderen Wesen. Raupen werden zu Schmetterlingen und unternehmen Schmetterlings-Aktivitäten. Menschen bewegen sich durch alle Entwicklungsstufen, beginnend als Babies zu Kindern, Jugendlichen, Erwachsenen bis zum hohen  Alter. Zu jeder dieser Stufen gehört eine bestimmte Erscheinungsform des Körpers, der geistigen Entwicklung, der emotionalen Reaktionen, der vielfältigen Interaktionen und der komplexen menschlichen Aktivitäten.
Lasst uns zum Beispiel einmal die Persönlichkeitsentwicklung des Menschen genauer betrachten, eine Sache, auf die in der westlichen Welt großen Wert gelegt wird. Es werden hierbei vier Arten von Ego unterschieden:
1) Das bloße Ego ist Teil der jeweiligen Persönlichkeitsstruktur. Es entsteht bei der Geburt und bleibt von der folgenden Entwicklung gänzlich unberührt. Während der ersten beiden Jahre nach der Geburt beginnt sich die bloße Wahrnehmung dieser scheinbaren Realität in zwei deutlich verschiedene Erfahrungen zu manifestieren, in das „hier drinnen“ und das „da draußen“. Durch familiäre Einflüsse, kulturelle Anpassungen, fortlaufende Sprachaneignung und durch den jeweiligen Ausbildungsweg werden wir zunehmend von unserer Außenwelt abgeschottet und vergessen dabei die Wahrheit von der Untrennbarkeit beider Welten, wie sie noch vom bloßes Ego erkannt wurde. Wir sind von einem Realitäts-fixierten, verdinglichten und scheinbar soliden Ego besetzt worden, das die Erfahrung der bloßen Wahrnehmung überschattet. Dies passiert in allen Menschen und mit dieser Ego-Entwicklung formiert sich auch eine äußere Welt. Auf diese Weise beginnt die alltägliche Fehlwahrnehmung, nämlich die Illusion einer „Wirklichkeit“.
2) Dieses „verdinglichte Ego“ hat keine sehr persönliche Ausprägung; es bezieht sich auf die allgemeine Wirklichkeit und dient innerhalb dieser als Bezugspunkt für ein solides „Ich“, ohne allzu ausgerichtete Emotionen oder persönliche Geschichten. An dieser Stelle der Entwicklung  überschneidet sich jedoch bereits die starke Prägung durch emotionale Erfahrungen, und so beeinflussen diese Erfahrungen zusammen mit allen anderen Dingen, mit denen wir uns identifizieren, unsere Wahrnehmung eines innewohnenden „Ichs“.
3) Sobald dieses „selbst-zentrierte“ Ego mit einem Alter von etwa zweieinhalb Jahren sich heraus zu kristallisieren beginnt, wird es zunehmend selbstzentrierter und entwickelt sich kontinuierlich während der nächsten Jahre an der Seite des verdinglichten Egos. Das selbst-zentrierte Ego ist sich eines innewohnenden Ichs äußerst bewusst, eines Ichs, das zart, leidenschaftlich und leicht verletzlich ist. Der prägende Einfluss durch Menschen und Geschehnisse während dieser frühen Jahre wird sowohl auf emotionaler als auch auf konzeptioneller Ebene wahrgenommen. Dieser Einfluss manifestiert sich dann auf physikalischer und subtiler Körperebene, was wiederum die Persönlichkeitsentwicklung prägt.
Für menschliche Wesen bedeutet der emotionale Einfluss durch andere Menschen und Geschehnisse ein wertvolles Hilfsmittel, um sich in dieser Schein-Welt zurecht zu finden. Es ist ähnlich wie bei einer Verbrennung der Hand, wo sich nach dem Abheilen der Wunden eine Art zelluläres Gedächtnis der Verbrennung befindet. Noch lange nachher werden wir, wenn wir nur in die Nähe einer Flamme kommen, das Verbrennungs-Gefühl an der gleichen Stelle spüren, obwohl die Flamme uns gar nicht berührt. Genauso verhält es sich mit emotionalen Fingerabdrücken im subtilen Körper. Durch das sich immer stärker ausprägende, selbst-zentrierte Ego erfahren wir diese frühen emotionalen Prägungen wieder und wieder.
Jede Kultur besitzt andere Versionen dieser Erfahrung. In westlichen Kulturen und insbesondere in der Kultur der Vereinigten Staaten werden solche (emotionalen) Erfahrungen normalerweise als Traumata oder Verletzungen interpretiert, und diese Auslegung nährt das selbst-zentrierte Ego mit einer guten Portion an Bedürftigkeit. In östlichen Kulturen hingegen wird der Einfluss von Emotionen als nicht sonderlich wichtig angesehen und somit auch nicht mit derselben Intensität in Form von eigenen Geschichten wiedergegeben. In beiden Fällen bleiben die Prägungen dieser Erfahrungen im subtilen Körper erhalten, wobei jedoch in der westlichen Welt äußerst machtvolle, emotionale Verstrickungen von Selbst-Zweifeln, einem positiven Selbstwertgefühl und dem Wunsch, ein perfektes Ego zu besitzen, erzeugt werden. Da sie im subtilen Körper residieren, bestimmen diese Prägungen fortwährend unsere Beziehungsmuster und beeinflussen auf diese Weise wesentlich die Entwicklung des sozialen Egos.
4) Das „soziale Ego“ stützt sich sowohl auf die Gediegenheit des verdinglichten Egos
 als auch auf die Bedürftigkeit des selbst-zentrierten Egos. Das soziale Ego bemüht sich fortwährend um Akzeptanz und Zustimmung. Es ist so, als ob wir ständig versuchen, uns vor Missbilligung und Enttäuschungen zu schützen, indem wir an dem Ergebnis von Taten anhaften, die nichts weiter als das soziale Ego widerspiegeln.
Falls wir glauben, dass man ein inneres Wohlgefühl durch ein erfolgreiches soziales Ego erreichen kann, machen wir einen großen Fehler, da das soziale Ego sehr instabil, unvorhersehbar und nicht von Dauer ist... insofern keine gute Grundlage für unser Wohlbefinden. Es ist, als ob wir ein Haus auf Treibsand bauen würden. Genauso wenig ist das selbst-zentrierte Ego eine gute Grundlage für ein gesundes menschliches Wesen, das bedingungslos lieben kann. Und weder das selbst-zentrierte noch das soziale Ego helfen unserem Herzen, sich dem Mitgefühl zu öffnen. Jedoch kann es uns durch die Kenntnis der vier Arten von Ego gelingen, unsere Erfahrungen durch ein anhaftendes Ego und überzogene emotionale Reaktionen durch Praxis zu erkennen und in den Griff zu bekommen.

Quelle: pundarika.org > archive >June 2011 > The four Egos (part 1)

Übersetzung: kk

Weitere Belehrungen von Tsoknyi Rinpoche auf Englisch, siehe tsoknyirinpoche.org/teachings.html.
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