Techniken, um mit lung zu arbeiten

Im ersten Teil ("Probleme des subtilen Körpers in einem hektischen Leben") sprachen wir über die Schwierigkeiten, die sich zeigen, wenn sich lung an der falschen Körperstelle befindet. Dazu kommt ein weiteres Problem: Es ist wichtig sich daran zu erinnern, dass aufsteigendes lung die Aufgabe hat, zwischen dem physischen Körper und der mentalen Aktivität zu kommunizieren, aber es kann diese Aufgabe nicht erfüllen, wenn es sich am falschen Ort befindet.

Im Allgemeinen werden wir lernen, wie wir lung in unserem Körper lokalisieren und es zu seinem natürlichen Platz unterhalb des Nabels bringen. Wir werden beginnen, das Körpergewahrsein des konzeptuellen Geistes zu erwecken, damit es erkennen kann, was eigentlich los ist. Normalerweise wissen wir so wenig Bescheid darüber, was innerlich passiert, weil das Ego es nicht mag, wenn wir uns mit etwas beschäftigen, was nicht in seinen Interessensbereich fällt. Wie auch immer, wir können uns auf die beschränkten Ideen des Ego über lung nicht verlassen. Was wir brauchen, ist ein vollständiges Bild, das ein Erkennen der Emotionalität von lung, seiner umherschwirrenden Energie, die angstbedingten Geschichten des Ego und unseren körperlichen Schmerz mit einschließt. Um dieses vollständige Bild zu erhalten, werden wir ein mentales Röntgenbild der Situation herstellen, wozu wir Techniken der Achtsamkeit gegenüber Gedanken, Körperempfindungen und Gefühlen anwenden.an

Bevor wir fortfahren, erinnere dich daran: Ego wird an dem, was wir tun, interessiert sein und sich vielleicht davon bedroht fühlen. Um seine Vorherrschaft zu erhalten, wird es diesen Prozess bekämpfen wollen. Also halten wir es besser einfach und sanft, ohne eine große Sache daraus zu machen, um vom Ego unbehelligt zu bleiben. Es wird nichts Aufregendes oder Esoterisches sein, sondern Hausverstand und leichte Anstrengung.

Was wir als erstes tun müssen ist, die Bewegungen von lung zu lokalisieren. Stelle die Verbindung zu lung auf entspannte Art durch die Praxis des tiefen und langsamen Atmens her. Bleib achtsam bei den Atem-Bewegungen und beobachte, wie der Atem lung findet und sich mit ihm verbindet. Dann, ebenfalls ganz entspannt, fange an zu scannen, wie sich lung anfühlt. Wenn du ein klares Bild davon hast, bring lung mit Hilfe des Atems sanft hinunter, indem du langsam ein- und ausatmest. Diese sanfte Atempraxis wird „jam lung“ genannt und ist eine traditionelle Praxis, um mit dem subtilen Körper zu arbeiten. Sie funktioniert wie eine französische Kaffeemaschine, sie benutzt die Bewegung des Atems, um die Energie von lung sanft nach unten an die Stelle unterhalb des Nabels zu befördern.

Jam lung ist sehr einfach auszuführen. Entspanne dich und atme tief ein- und aus, lass deinen Körper losgelöst ruhen. Dann kann der konzeptuelle Geist den ganzen Körper überprüfen und sehen, wie lung sich von da nach dort bewegt. Wir finden Stellen, wo Anspannung und Enge sitzen und damit lung-Bewegung anzeigen. Während wir einatmen, geht der Druck nach unten und verbindet sich mit lung, wo immer es sich aufhält. In dem Moment, in dem der Geist auf lung trifft, geht er auch schon eine Beziehung damit ein. Wenn wir für den nächsten Atemzug bereit sind, atmen wir aus und beginnen von neuem. Möglicherweise gelingt es uns, lung problemlos unter den Nabel zu bringen. Aufwärts bewegendes lung kann nicht von selbst den Heimweg finden, wenn der Geist es nicht geleitet. Indem wir jam lung auf korrekte Weise immer wieder üben, kann rastloses lung sich normalisieren, den Zentralkanal betreten und an seinen angestammten Platz unterhalb des Nabels zurückkehren.

Es ist sehr wichtig, diese Art der Zusammenarbeit des konzeptuellen Geistes mit der schnell sich bewegenden lung-Energie zu etablieren. Sonst kann es passieren, dass wir die jam lung-Praxis mit einem aufgewühlten Geist ausüben, ohne den Kontakt zu lung herzustellen. Es kann eine Weile dauern dies alles zusammenzuführen, habe also Geduld und Durchhaltevermögen, um der Praxis von jam lung genug Zeit einzuräumen. Wenn wir jam lung langsam und achtsam als Teil unserer täglichen Praxis üben, wird lung definitiv lernen, unter dem Nabel zu bleiben. Wenn wir auf diese Weise ein, zwei oder mehr Monate lang üben, werden wir ganz natürlich wissen, ob lung unten ist oder nicht und wenn es beginnt aufzusteigen. Wenn wir spüren, dass lung unten ist, entspannen sich alle großen Muskeln im Körper und wir fühlen uns sehr leicht. Mit einem lung, das zu Hause ist, werden wir auch dann, wenn wir sehr beschäftigt sind, nicht unter einem umher schwirrenden und schnell sich bewegenden lung leiden. In der Nach-Meditation, während der wir die Atmosphäre der Meditation aufrecht erhalten, ist es sehr gut, 10 Prozent der Energie unterhalb des Nabels zu halten, und zwar mit einem leichten Muskeldruck oberhalb und unterhalb des Sitzes von lung. Das hilft uns, die Energie sanft unten zu halten und befähigt uns, in der Welt gut zu funktionieren. Wenn wir 10 Prozent der Energie unten halten, können wir normal atmen, unser Geist kann normal funktionieren und wir können tun, was immer wir wollen.

Wenn wir es zunehmend gewohnt sind, dass lung richtig funktioniert, werden wir bemerken, dass ein natürliches Bodhisattva-Element in uns lebendig ist. Das natürliche Bodhisattva-Element ist eine mutige Offenherzigkeit, aber oft gibt es da auch eine unterschwellige Ego-Anhaftung, die uns davon abhält, unser Herz ganz zu öffnen. Wir sind wie der englische TV-Sender CNN, der auf dem Hauptbildschirm unser Leben zeigt, aber gleichzeitig unentwegt die von Ego kontrollierten unterschwelligen Botschaften, welche auf Hoffnung und Furcht basieren, in uns mitsendet. Diese Spaltung macht uns eng und beeinträchtigt unser Wohlgefühl. Aber indem wir den Fokus weiterhin darauf legen, das lung nach unten zu bringen, wird auch das schlussendlich nachlassen.

Wie auch immer, auch wenn der Geist weniger trüb ist und der Körper weniger schmerzt, wird lung sehr wahrscheinlich schnell zurück in Aktion gehen, sobald wir im Alltag wieder sehr aktiv sind. Obwohl Ego uns glauben macht, dass wir die volle Geschwindigkeit von lung brauchen, um erfolgreich zu sein, ist das wirklich nicht der Fall. Führe mit lung eine Unterhaltung, etwa so: „Komm runter, Liebling. Das ist dein gemütliches Zuhause, genau hier unterhalb des Nabels. Du brauchst nicht überall herum zu rasen, bleib in deinem behaglichen Heim.“ Wenn du freundlich bleibst statt den hoffnungs- und angsteinflößenden Geschichten von Ego Raum zu geben, dann wird aufwärts steigendes lung sich beruhigen und lernen, an seinem angestammten Platz zu bleiben, auch dann, wenn wir einen sehr geschäftigen Tag haben. Wirklich, mit lung so zu sprechen hilft. Und auch aus einem anderen Grund ist das wichtig. Lung kann seine Aufgabe, Geist und Körper in Balance zu halten, nur dann erfüllen, wenn es in seinem Zuhause unterhalb des Nabels ist.

Da gibt es noch eine andere Situation, die zu beachten ist. Wenn lung sich am falschen Ort in einem stark aufgewühlten Zustand befindet, wird das unbedingt eine Auswirkung auf unseren Körper und Geist haben. Da wird eine anhaltende Erschöpfung spürbar sein und es wird häufig zu explosiven emotionalen Reaktionen kommen. Lung wird dadurch beschädigt und nicht mehr imstande sein, seine ausgleichenden Funktionen zu erfüllen. Um mit dieser ziemlich extremen Situation zu arbeiten, beginnen wir wieder durch tiefes Atmen herunterzukommen bis wir ein wenig Entspannung und Offenheit spüren. Das kann einige Zeit dauern, versuche also nicht durch andere erregende Praktiken diesen Prozess zu beschleunigen. Das ist wirklich wichtig, weil unser ganzes System auf Leidensmustern basiert, die mit lung am falschen Platz und einer ungebremsten erregten Energie zu tun haben, welche wiederum unter der Kontrolle des Ego stehen. Es kann nichts Gutes passieren, wenn wir angespannte und umherspringende Energie dazu verwenden, Anspannung und Sprunghaftigkeit zu beseitigen. Also versuche das erst gar nicht.

Das Ego wird das nicht mögen, aber der nächste Schritt ist „Dummheitsmeditation“ zu praktizieren, wo der Geist in einen dumpfen und ziemlich friedlichen Zustand versinkt, wie die Kühe in Kathmandu. Sie haben überhaupt kein lung, auch wenn sie inmitten einer verkehrsreichen Straße stehen. Zusätzlich müssen wir einen Weg finden, ausreichend Schlaf und Zeit für eine gute Mahlzeit zu haben. Es ist in solchen Zeiten auch sehr wichtig, Gesundheit zu kultivieren, positive Beziehungen zu pflegen, die keine Herausforderungen an unser emotional ausgelaugtes und gerade noch funktionierendes lung stellen.

Im Allgemeinen ignorieren die Menschen in einer schnelllebigen Zeit diese Grundregeln des Lebens genauso wie die Anzeichen eines gestörten inneren Gleichgewichts, wodurch lung zu einem dichten Gewirr aus Leiden wird. Stattdessen halten wir an einem unausgewogenen verkrampften Lebensstil, angefüllt mit einer emotionalen, unentwegt in uns brummenden Energie fest. Wir drehen uns im Kreis. Das ist nicht günstig, weil wir nicht nur ständig erschöpft und betäubt sind, sondern auch mutlos, beherrscht von einem Unsicherheitsgefühl vermischt mit einer Empfänglichkeit für die auf Angst basierende Dominanz des Ego. Die gute Nachricht ist, dies kann aufgelöst werden.

Was wir zu tun haben ist, wie gesagt, ganz einfach. Wir brauchen eine neue Art der Gesprächsqualität mit lung, etwa so: „Ok, ich habe alle Zeit der Welt.“ Diese Haltung sollte als vorbereitende Übung für alles, was wir tun, kultiviert werden, einschließlich der Meditationspraxis. Auch wenn wir nur eine Stunde für die Praxis haben, sollten wir uns so verhalten als hätten wir 100 Stunden zur Verfügung. „Wenn ich fertig werde damit, ist es ok, wenn nicht, ist es auch ok. Ich werde nicht nur praktizieren, ich werde mich wirklich, wirklich entspannen.“ Das kann leicht während der Arbeit, während des Spiels oder Studiums angewendet werden. Es ist tatsächlich auf all unsere Aktivitäten anwendbar. Werde langsamer in allem, entspanne dich und denke dir, dass du alle Zeit der Welt hast.

Indem wir ganz sanft auf diese Weise mit lung arbeiten, können wir in unseren Alltagsaktivitäten das beschädigte lung beruhigen und ihm helfen, nach Hause zu kommen. Zum Beispiel indem wir ein gutes Essen genießen, eine Nachmittagspause in entspannter Atmosphäre verbringen oder einen Spaziergang im Wald oder am Meer machen. All das sollte in seiner Qualität losgelöst und leicht sein. Wie auch immer, wenn wir wandern oder auch in der Stadt spazieren, könnte es da schwierige Teilstrecken geben und wir müssen danach trachten, diese zu umgehen. Das sind gute Möglichkeiten, um zu schauen, was mit lung los ist. Weil lung aufsteigt und wir das bemerken, haben wir die Möglichkeit Angst und mentales Greifen zu erkennen. Indem wir das erkennen, ist es uns besser möglich, lung nach unten zu bringen und mit einer achtsamen Haltung, ohne weitere lung-Aktivierung, fortzuschreiten.

Formelle Praxis kann dazu beitragen, das aufgewühlte lung zu beruhigen. Singen oder Chanten mit dem „Saft“ von Hingabe ist sehr gut, um lung zu entspannen und um weniger aufgeregt zu sein. Aber wenn auf rastlose Weise und während der Geist über anderes nachdenkt gesungen wird, ist das nutzlos. Lung ist dann immer noch am falschen Platz und immer noch mit der falschen Aktivität befasst; das lung und der Geist sind noch nicht synchron geschaltet. Tatsächlich wird uns ruheloses Singen, angestrengte Visualisationspraxis und ein Streben nach Rigpa immer bloß erschöpfen und einengen, weil es lung auf die falsche Art und Weise ins Spiel springt. Wenn man aber genug Zeit mit Praxis verbringt, um lung ganz sanft mit seinem Zuhause vertraut zu machen, stellen wir die Zusammenarbeit zwischen Geist, lung und Körper wieder her.

So, das sind einige Möglichkeiten, um mit dem subtilen Körper und den Schwierigkeiten von lung, das sich am falschen Platz befindet, zu arbeiten. Wenn lung kein Problem mehr darstellt, sondern in einer aktiven Kommunikation Geist und Körper miteinander in Kontakt hält, wird das einen enormen Unterschied in unserem Leben und unserer Praxis machen.

Quelle: News Archives by month, June 2011

Übersetzung: ewi

Weitere Belehrungen von Tsoknyi Rinpoche auf Englisch, siehe tsoknyirinpoche.org/teachings.html.
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